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Erfahrungsberichte

Hier finden Sie Erfahrungsberichte, Interviews und weiter interessante Informationen über das Thema Demenz

Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht von Sigrid Holtorf

Meine Erfahrungen mit Demenzkranken Leere Blicke, irrende Augen, fahrige Gesten, unstetes Hin und Her, verzweifeltes Rufen, im mer dieselben Fragen. ... Demenz hat viele Ausdrucksformen. Diese sind einige der Erschreckendsten. Für Pflegende in den Heimen sind sie ein gewohntes Bild, bedrohlich, ja oft sogar Angst und Abwehr auslösend. Der Mensch vor mir scheint unerreichbar.Wie komme ich an ihn heran?Immer wieder habe ich mir in 23 Jahren als Pflegerin diese Frage gestellt.Du musst geduldig sein. Du musst dich erst ein wenig abseits setzen. Du musst nichts sagen (die Sprache ist eine Quelle der Missverständnisse). Du musst jeden Tag zur selben Stunde kommen (es muss feste Bräuche geben). Dann wirst du jeden Tag dich ein wenig näher setzen können. – So macht der kleine Prinz sich mit dem Fuchs vertraut und gewinnt ihn zum Freund. Der Preis ist, dass er beim Abschied “wird weinen müssen”, so hat es ihm der Fuchs prophezeit, die Belohnung, dass der Freund ihm sein Geheimnis verrät.Ähnliches habe ich mit den alten, an Demenz Erkrankten erlebt. Wenn es gelingt, sie sich ver traut zu machen, geschieht oft ein kleines Wunder. Sie verlieren zwar nicht ihre Krankheit, aber die irrenden Augen werden ruhiger, ihr Blick kann meinen erwidern, die Hand kann Berührung zulassen, ein erkennendes Lächeln verrät, dass irgendwo Erinnerung möglich ist. Es wird mit Gesten und wenigen Worten Wichtiges gesagt. Nähe und zwischenmenschliche Wärme kommen auf. Immer wenn es gelang, mir diese Menschen “vertraut zu machen”, haben sie mir viel über mich verraten. Sie haben mir stets sofort durch ihr Verhalten gezeigt, wenn meines nicht echt war, wenn ich mir ein unangemessenes Urteil anmaßte über sie, wenn ich sie zu etwas überreden, ja zwingen wollte, weil man als Pflegender in der Not manchmal zu solchen Mitteln greift, um seine Arbeit unter hohem Zeitdruck einigermaßen tun zu können. Scham und Schuldgefühle bleiben da nicht aus, wenn man nicht gänzlich abgestumpft ist. Aber es gibt Lichtblicke, wie z. B. die Situation bei einem schwer an Alzheimer erkrankten alten Herrn, der zu verwahrlosen drohte, weil er meist alle Pflegehilfsangebote abwies. Nach einem wieder mal vergeblichen Versuch ließ ich mich eines Tages verzagt in einen seiner Sessel fallen, völlig ratlos ihn und die Familienfotos auf dem Fenstersims betrachtend. War die junge Frau da vielleicht seine Mutter? Er nickte. Wo mochte der schöne Park wohl gewesen sein? Ich hatte diesen Gedanken nur gedacht. “In Kassel” kam es da von ihm, der sonst nur noch zu stammeln vermochte. Es ergab sich ein kurzes “Gespräch”, mehr Blicke, Gesten als Worte, und ich wollte gehen (schon viel zu lange Zeit hatte ich verweilt). Da sagte er leise “danke”, stand auf und ließ sich in den Waschraum führen. Eine morgendliche Grundpflege war möglich geworden. Dies isteines von vielen Schlüsselerlebnissen. Dieser Mensch hatte mir gezeigt, worauf es wirklich ankam. Menschliche Beziehung, Interesse als Grundvoraussetzung, um sich einem anderen Menschen zu nähern. Wie herzlos war es, dass ich mir bisher nie wirklich Gedanken über seine Lage, seine Lebensgeschichte gemacht hatte. Rein auf der funktionalen Ebene hatte ich meine Arbeit tun wollen. Und gerade das ist bei an Demenz Erkrankten nicht möglich, weil sie den Zugang zum Funktionalen, Rationalen nicht mehr zur Verfügung haben und sich damit in unserer stark von diesen Qualitäten geprägten Welt nicht mehr zurecht finden. Dafür aber zeichnen sie sich durch ein feines Gespür für das rein Menschliche aus, eine geschärfte Wahrnehmung für ihre Umgebung, für die Stimmung, die da lebt und auf die sie durch ihr Verhalten reagieren.Damit sind sie eine Herausforderung für alle, die mit ihnen zu tun haben. Sie stellen, ohne es zu wissen, die Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn dieser Krankheit, nach dem Men schenbild. Eine Hilfe für den Umgang fand ich durch Beschäftigung mit der Anthroposophie. Die Art, wie Rudolf Steiner das Menschenwesen beschreibt, macht Sinn für mich. Eine aus dem Geistigen stammende Individualität, die sich in einen Erbstrom inkarniert, einen Leib aufbaut, diesen belebt, beseelt, prägt, im Laufe des Lebens verwandelt und als Hülle nach dem Tode zurücklässt, um in ihre geistige Heimat zurück zu kehren. Der Mensch, so gesehen, ein vielschichtiges, aus vier Kräfteorganisationen bestehendes, entwicklungsfähiges Wesen. Sein physischer Leib, der einzig sichtbare Teil an ihm. Diesen im Laufe des Lebens zu verwandeln, zu vergeistigen, ist Aufgabe des Ich. Durch das Brüchigwerden des alternden Leibes können sein Ich, seine Seelen- und Lebensbildekräfte nicht mehr in der richtigen Weise aufeinander und auf diesen Leib wirken. Aus dieser Sicht sind Krankheiten Folgen einer Störung dieses Verwandlungsprozesses, aber auch Hinweise, dass sich da etwas verwandeln möchte.Im Falle von Demenz sind vorwiegend Nervensystem und Gehirn betroffen. Der Wesenskern des Menschen bleibt intakt. Diesen suche ich bei meiner Arbeit immer im Auge zu behalten und anzusprechen. Dass er unzerstörbar ist, erlebe ich in beglückenden Momenten, wo der Betreffende auf eine nur für ihn typische Art und Weise reagiert oder eine seinem Wesen entsprechende, schlagfertige Bemerkung macht. Dazu muss ich natürlich einiges von seiner Lebensgeschichte wissen, um eine Ahnung von seinem Wesen zu bekommen. An den gewonnenen Einsichten anknüpfend, kann ich versuchen, dem Menschen zu helfen, ein Stück seiner Identität zu bewahren.ies ist die äußere Seite, die innere spielt sich in mir ab, wo ich die durch Studium der Anthroposophie gewonnenen Fakten an der Realität überprüfe. Da kann ich wirklich erleben, wie die Kraft der Wärme, sei es physische, seelische oder geistige Wärme, das Ich eines Menschen, welches sich aus dem Leibe zurückgezogen hat, wieder hereinzuholen vermag, allein durch eine Begegnung mit einem anderen ihm zugewandten Ich, des Ansprechens mit dem vollen Namen oder einem Händedruck. Eine interessante Beobachtung: Wenn zwei schwerDemenzerkrankte einander die Hände reichen sollen, wie z. B. beim Aufsagen des Tischspruches, verfehlen sich die Hände meist, und es liegt nicht am schlechten Sehen.Dass ohne Steuerung der Ich- und Formkräfte (letztere sind Ausdruck des Astralleibes als Träger des Seelischen) eine Ausweitung in den Umkreis entsteht, ist für Pflegende eine meist unbewusste Tatsache. Sie wissen, dass sie sich eher vorsichtig und von vorne einem solchen Menschen nähern sollten. Aus der durch Anthroposophie erweiterten Sicht begreift man auch, warum viele Demenzkranke über ihren Tellerrand hinaus versuchen, vom Teller des Nachbarn zu essen. Den direkt vor ihnen stehenden Teller nehmen sie oft gar nicht wahr. Vor dem gleichen Hintergrund ist auch der starke Bewegungsdrang zu sehen. Ohne die vom Ich gelenkten Formkräfte des Astralleibes stehen Demenzerkrankte stark unter dem Einfluss ihrer im Leibe hin und her flutenden Vital- oder Lebenskräfte, was sie veranlasst, ständig in Bewegung zu sein bzw. im Kreise zu laufen. (R. Steiner, GA 350)Die Erfahrung zeigt: Ein Raum der Geborgenheit, in dem seelisch, zwischenmenschlich “etwas geschieht”, ein Ich, d. h. eine Person, die signalisiert “ich bin da” und die auch da bleibt (präsent ist), vermögen diesen ungesteuerten Bewegungsdrang der Demenzerkrankten zu lindern bzw. fast ganz zum Verschwinden zu bringen. Viele Erfahrungen und Erkenntnisse können wir durch den Umgang mit den Betroffenen gewinnen. Es entstehen eine neue Hochachtung und innere Haltung, die von den Menschen dankbar wahrgenommen und mir als Pflegerin und Betreuerin zurückgespiegelt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass ich durch und an den Demenzerkrankten, die ein so schweres Schicksal tragen, etwas für mich lernen will.Das Geheimnis des Fuchses hieß: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Ist es das, was Demenzkranke, was unsere Zeit so dringend braucht?
Sigrid HoltorfErschienen im Weleda-Pflegeforum Nr. 11

Angehörigen Stimmen

Angehörigen-Stimmen

Halten Sie Aja's Gartenhaus für wichtig und Zukunftsorientert?
Diese Fragen richteten wir an einige (ehemalige) Angehörige von Menschen mit Demenz. Hier sind die Antworten:

Allein der Name hätte ihr gut gefallen!
Meine Mutter lebte von 1985 bis zum Jahr 2000 selbständig und ohne besonderen Betreuungsbedarf in einer eigenen Wohnung im Haus Aja Textor-Goethe. Zum Zeitpunkt ihres Einzugs war sie 80 Jahre alt. Das Haus bot ihr einen Rahmen, in dem sie in schon sehr hohem Alter diese Lebenszeit auf die ihr eigenen Art und Weise kreativ nutzen konnte.

Dies veränderte sich dramatisch mit Beginn ihrer schweren und rasch fortschreitenden Demenzerkrankung, die schließlich den Umzug in den Pflegebereich Betula erforderlich machte. Dort verstarb sie nach etwas über einem Jahr im Juni 2001.
Ich besuchte meine Mutter in ihrer neuen Umgebung oft und lernte im Laufe der Zeit auch fast alle andern dort lebenden alten Menschen sowie die alltäglichen Abläufe und Strukturen des Pflegebereichs kennen.
Meine Erlebnisse und Erfahrungen machten sehr schnell deutlich, dass insbesondere demenzkranke alte Menschen - um Geborgenheit und Beheimatung zu spüren - die ständige Einbindung in einen Alltags- und Beziehungskontext brauchen; beides ist in traditionellen Pflegeheimen nicht vorgesehen und nicht gegeben, da diese für ihre Bewohner und Mitarbeiter (!) keine Lebensorte im sozialen Sinne sind. Die häufige Symptomatik des "Weglaufens" Demenzerkrankter ist meiner Beobachtung nach die Folge des Mangels an Geborgenheit und Bindung. Die alten Menschen machen sich "auf die Suche" nach Zugehörigkeit und sozialem Leben!
Der Paradigmawechsel (Systemwechsel) "von der Anstalt zum Haushalt" ist daher m.E. nicht nur für Demenzkranke ein längst überfälliges Zukunftsmodell; das Leben in Hausgemeinschaften ermöglicht allen hilfs- und pflegeberechtigten Menschen Selbstbestimmung und Lebensqualität sowie spiegelbildlich den Mitarbeitern bessere Arbeitsbedingungen.
Meine Mutter kämpfte fast bis zum Ende ihres Lebens mit krankheitsbedingten Ängsten und gegen ihren "sozialen Tod". Strategien der Angstbewältigung stehen demenzkranken Menschen mit zunehmendem Verlust innerer und äußerer Orientierung immer weniger zur Verfügung. In herkömmlichen Pflegestationen gibt es, wie ich über den Zeitraum eines Jahres beobachten konnte, tagsüber und auch nachts viele angstauslösende Situationen, deren Auswirkungen - wie im Fall meiner Mutter - mangels anderer Möglichkeiten mit Psychopharmaka "behandelt" wurden. Sie verlor dadurch ihre Lebendigkeit und Kraft und musste schwerste Nebenwirkungen in Kauf nehmen und ertragen. Ich glaube, das Allerschlimmste für sie war - neben der sozialen Ausgrenzung -,keine lebens- und alltagssinnstiftenden Aufgaben und Beschäftigungen mehr zu haben.
Aufgrund meiner Erfahrungen bin ich fest davon überzeugt, dass die überschaubaren Strukturen und der gelebte Alltag in einer Hausgemeinschaft insbesondere für Demenzkranke angstreduzierend und sinnstiftend wirken. In einer solchen Atmosphäre entsteht nicht nur Lebensqualität für alte Menschen; sie ist auch unabdingbare Voraussetzung für die notwendigen geistig-seelischen Entwicklungen und Prozesse zur Bewältigung des Übergangs von Leben in den Tod.
Die Planung und Realisierung des Projektes "Aja's Gartenhaus" begrüße ich daher sehr und wünsche mir, meine Mutter könnte nach Fertigstellung per Zeitreise den letzten und schwersten Abschnitte ihres Lebens dort noch einmal verbringen. Allein der Name hätte ihr gut gefallen.
Christiane von Keutz

Ein zukunftsweisendes Projekt der Brüderlichkeit

Ein zukunftsweisendes Projekt der Brüderlichkeit

Nach der Konzeptänderung im Haus Aja Textor-Goethe, nämlich dass dementiell erkrankte Bewohner in einem Bereich zusammenleben sollten, und den notwendigen baulichen Veränderungen, konnte ich beobachten, wie mehrere Bewohner sich sehr bald in ihrer neuen Gemeinschaft geborgen und wohlfühlten. Die kleinere Gemeinschaft fördert Vertrautheit; die Möglichkeit, gewohnte hauswirtschaftliche Dinge zu verrichten, bringt Normalität in das Zusammenleben; die verständnis- und liebevolle Zuwendung der Pflegenden trägt die Gemeinschaft. Und auch der helle, freundliche äußere Rahmen trägt zum Wohlfühlen bei.
Es ist aber wünschenswert und notwendig, dass die Gruppen kleiner werden, so, wie es für "Aja's Gartenhaus" geplant ist. Wenn Erkrankte mit starkem Bewegungsdrang durch seelische Nöte zeitweise sehr laut sind, leiden jetzt in dem großen Haus viele Menschen mit ihnen. Da wird die räumliche Trennung hilfreich sein.     
Ich begrüße das Konzept eines Erweiterungsbaues, "Aja's Gartenhaus", sehr, auch die Idee, dass helfende Menschen unter dem gemeinsamen Dach mitwohnen, - ein zukunftsweisendes Projekt der Brüderlichkeit!
Ute-Gesche Schönberger

Intuitiv geformte Architektur für demenzerkrankte Menschen

Ein zukunftsweisendes Projekt der Brüderlichkeit

Farben und Formen spielen in der Architektur „anthroposophischer“ Einrichtungen eine augenscheinlich große Rolle: In Waldorfschulen ist traditionell jeder Jahrgangsstufe eine andere Wandfarbe zugeordnet, im Inneren des „blauen Wals“, wie das Haus Aja Textor-Goethe im Volksmund gern genannt wird, ist eine ungewöhnlich breite Farbpalette erlebbar, und auch Aja's Gartenhaus überrascht an verschiedenen Orten mit ungewöhnlichen und eindrücklichen architektonischen Gestaltungselementen. 
Rudolf Steiner hatte sich als Herausgeber und Kommentator der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes sehr intensiv mit dessen Farbenlehre auseinandergesetzt. Goethe hatte insbesondere die „sinnlich-sittlichen Wirkungen“ der Farbe erforscht. Steiner setzte dieses Goethesche Denken ein Jahrhundert später in eine Fülle von Empfehlungen zur pädagogisch-therapeutischen Durchdringung verschiedenster Lebensbereiche, u.a. in Pädagogik, Medizin und Therapie, um.
Der in der Nähe von Siegburg lebende Kunstpädagoge, Bildhauer ("Formenfinder") und Lebensraumgestalter Herbert Antweiler hat seine arbeiten im Pflegebad von Aja's Gartenhaus Anfang 2009 in einem reich bebilderten Artikel in der Fachzeitschrift "Mensch + Architektur" beschrieben: "Intuitiv geformte Architektur für demenzkranke Menschen"
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Interview

Interview

Wenn der Partner in eine andere Welt entgleitet
Interview mit Hella von Kriegstein


Frau von Kriegstein, unser nächster Haus-Kurier ist schwerpunktmäßig "Aja's Gartenhaus" gewidmet, ein neues Wohnprojekt vor allem für "verwirrte" alte Menschen. Sie haben viele Jahre Ihren an Demenz erkrankten Mann gepflegt. Es würde uns in diesem Zusammenhang interessieren, welche Erfahrungen sie gemacht haben und ob Sie uns Anregungen für unser Bauvorhaben geben können. Aber zunächst: Wie machte sich die Krankheit bei ihrem Mann bemerkbar, wie fing alles an?

Es begann mit kleinen Gedächtnisausfällen. Das habe ich aber nicht so ernst genommen, schließlich vergisst unsereins ja auch hin und wieder etwas.
Das erste, Gravierende war die Tatsache, dass er kein Gefühl mehr für den Tagesrhythmus hatte. Er wusste nicht mehr, wann Tag und Nacht war.


Wie machte sich das bemerkbar?

Es passierte durchaus, dass er in der Nacht fertig angezogen vor mir stand und sagte: "Du, gib mir doch bitte mal Geld, ich finde meine Portemonnaie nicht, ich muss zum Arzt drei Rechnungen bezahlen". Er konnte dann gar nicht glauben, dass es mitten in der Nacht war.


Wann war das?

Vor ca. 5 Jahren, kurz nach seinem 90. Geburtstag. Diesen Geburtstag feierten wir noch ganz unbeschwert. Er hatte sich wenige Wochen davor von einem Herzinfarkt wieder gut erholt. Aber danach schwand so alles immer mehr. Er erkannte zum Beispiel eine seiner Schwiegertöchter nicht mehr. Nach einem Fest sagte er: "Wer waren eigentlich die beiden Frauen, die Ernst mitgebracht hat?" Ich erkläre mir das so: Nach dem Essen war die Stimmung sehr viel lockerer als vorher, und so waren auch er und unsere Schwiegertochter entsprechend gelöster und heiterer. Daher kam es ihm vor, als hätte mein Sohn zwei verschiedene Frauen dabei gehabt. Er ließ sich von dieser Meinung auch nicht abbringen.


Wohnten Sie zu dieser Zeit schon in dem Wohnstift im Taunus?
Ja, wir lebten zu der Zeit schon 8 Jahre dort, und wir haben uns dort ausgesprochen wohl gefühlt. Ich habe keinen Grund, über das Wohnstift zu klagen, aber es war für die Betreuung von dementen Menschen nicht eingerichtet. Diese Krankheit betrifft ja nicht nur den Betroffenen selbst, sondern vor allem auch den Partner, der rund um die Uhr im Dienst ist. Das kann man nicht jahrelang machen, besonders nicht, wenn man Ende 80 ist.


Verlief die Erkrankung ihres Mannes schleichend, oder ist die Entwicklung schnell vorangeschritten?
Nein, es ging langsam. Aber das Leben wurde immer schwieriger für mich. Ich war Tag und Nacht im Einsatz. Ich getraute mich nicht, ihn allein zu lassen, was ihn sehr verwunderte, denn er hielt sich für völlig gesund.
Nach einem Krankenhausaufenthalt hat er mich zum ersten mal nicht mehr erkannt.
Er sagte: "Rufen Sie doch bitte mal meine Frau an."


Was empfindet man da, wenn der Ehemann einen nach 64 gemeinsamen Jahren nicht mehr erkennt? Waren Sie darüber sehr traurig, oder hatten Sie sich mit der Krankheit schon soweit auseinandergesetzt, dass sie damit umgehen konnten?
Ich war in dem Moment ziemlich erschüttert, denn mir ging es nach einer Blasenoperation (wir lagen zur gleichen Zeit im Krankenhaus) ziemlich scheußlich, und dazu den schwer kranken und völlig desorientierten Mann, der ständig herumlief, der sich selbst fit fühlte. Mir stell-te sich immer wieder die Frage: "Wie soll das weitergehen, wie ist das praktikabel?


Sie hatten doch sicher in dem Wohnstift Hilfe. Gab es dort einen ambulanten Dienst?

Ja, dort gab es einen ambulanten Dienst. Und das Haus wirbt auch damit, dass die Pflege bis zum letzten Atemzug im eigenen Appartement ermöglicht wird.
Aus dem Grund haben wir das Wohnstift gewählt, weil wir gerade das wunderbar fanden. Und das funktioniert auch bei bettlägerigen Bewohnern, bei denen zu bestimmten Tageszeiten Hilfe nötig wird. Aber wenn alle fünf Minuten etwas anderes passiert, dass der Partner aus dem Bett steigt, den Teppichboden beschmutzt und und und. Dafür gibt es erst nach telefonischem Anruf und nach Dringlichkeit der vorliegenden Fälle Hilfe. Und am Wochenende die Personalknappheit! Für solche Fälle ist eben ein besonderer Pflegebereich nötig und den ha-ben sie dort jetzt auch. Solange ich im Beirat war, habe ich dafür gekämpft. Man hat jetzt dort im Parterre einen Bereich für demente Menschen geschaffen, und die wollen genau wie Sie auch ein Haus im Garten für diesen Personenkreis bauen. Das ist ja auch dringend nötig, da es immer mehr verwirrte alte Menschen gibt.


Irgendwann waren dann Ihre Kräfte zu Ende?
Ich habe mich bemüht, alles zu meistern. Aber meine Kinder hatten den Eindruck, dass das auf Dauer nicht geht, und die hatten eh' schon hier im Haus angefragt und uns vormerken lassen. Das erste Angebot von Herrn Riesenberger lehnte ich ab. Ich konnte es damals nicht ü-ber's Herz bringen, meinen Mann in eine völlig neue Umgebung zu verpflanzen. Nach einem halben Jahr bekam ich das zweite Angebot. Herr Riesenberger setzte mir eine Frist bis zum darauffolgenden Montag. Und dann war das Wochenende so katastrophal, eins der schlimms-ten, die ich überhaupt erlebt habe, und danach habe ich mich zu dem Entschluss durchgerun-gen. Denn es hätte meinem Mann auch nicht gedient, wenn ich ausgefallen wäre. Na, ja, dann habe ich dem Doppelzimmer zugestimmt. Durch ihren Neubau im Garten wollen Sie ja nun im Haus Einzelzimmer einrichten. Das ist auch ganz dringend nötig. Sie kennen ja sicher die Geschichte mit den Nägeln, die der Zimmernachbar meinem Mann auf den Nachttisch gelegt hat. Als mein Mann nach einem Sturz im Krankenhaus geröntgt wurde, stellte man fest, dass er 14 solcher Nägel verschluckt hatte.


Das ist ja schrecklich! - War die Arnica schon umgebaut, als ihr Mann dort einzog?
Die fingen gerade an. Aber das war für uns nicht schlimm, denn mein Mann war ja sehr auf sein Zimmer bezogen. Er wollte gar nicht raus, nur in den Garten. In dem Garten hat er sich sehr wohl gefühlt. Man darf es ja nicht sagen, aber ich habe die Kaninchen mit Mohrrüben verwöhnt, damit sie am Abend zu unserer Terrasse kamen, das hat meinen Mann immer sehr gefreut.

 

Ihr Mann hat auf der Arnica sehr zurückgezogen gelebt. Hat er irgendwelche kulturellen oder therapeutischen Angebote wahrgenommen?
Nein, das hat er alles abgelehnt. Sein Rhythmus war der, dass er morgens gefrühstückt hat, dann war er müde und hat geschlafen. Das Mittagessen machte ihn wieder müde. Nach dem Mittagsschlaf kamen dann seine wachen Stunden. Wir tranken zusammen Kaffee, saßen im Garten oder im Erker seine Zimmers, und ich beantwortete seine Fragen, die nur spärlich kamen. Er lebte voll in seiner Kindheit, fragte nach seinen längst verstorbenen Geschwistern, fragte nach dem Ausbleiben seiner Mutter, deren Besuch ich für Sonntag in Aussicht stellte. Er wollte von der Schule abgemeldet werden, was ich auch versprach. Fragen nach späteren Lebensabschnitten kamen kaum jemals. Die Kinder fanden, man müsse ihm mehr geistige Anregung bieten und kamen mit Fotografien oder führten ihm unter viel technischem Aufwand Filme vor, die er als Marktforscher in fremden Erdteilen gedreht hatte. Nichts erreichte ihn mehr. Nach seinem Indienfilm fragte er mich: "Wie lange warst du eigentlich in Indien?" - Nach dem Abendbrot half ich ihm noch beim Zubettgehen, er schlief dann auch sofort ein.


Wie lange war Ihr Mann insgesamt auf der Arnica?
Er kam am 28. Juni 2001, und am 5. Februar 2002 ist er gestorben.


Also das heißt, er war gut 7 Monate hier im Haus.
Würden Sie sagen, das war die richtige Entscheidung gewesen, hierher zu kommen?

Es war die richtige Entscheidung. Die Bewegungsfreiheit, die auf der Arnica gewährleistet ist, halte ich für überaus wichtig. Ich muss sagen, ich empfinde eine Riesenhochachtung vor den Mitarbeitern da unten, wie sie allen die Freiheit lassen und mit welcher Geduld sie auf jeden einzelnen eingehen. Mein Ältester ist Arzt und Leiter einer Klinik, und der sagt, es wäre vorbildlich, was hier geleistet wird.
So eine Betreuung kann nie vollkommen sein. Das geht einfach nicht. Und es gibt Leute, die sagen, das mit den Nägeln hätte nicht passieren dürfen. Aber wie wollen sie so etwas verhindern? Das können sie nur, wenn jemand ständig daneben sitzt. Ich würde nie auf die Idee kommen, das dem Hause in irgendeiner Form zum Vorwurf zu machen. Was aber wirklich schwierig ist, ist die Doppelzimmer-Situation. Der Zimmernachbar meines Mannes konnte nicht im Dunkeln schlafen, er schlief im Sitzen und das Licht musste brennen. Und mein armer Mann konnte nicht schlafen, weil er es dunkel brauchte, das war eine Katastrophe. Und dauernd musste ich die Brille oder andere Dinge meines Mannes suchen, die sein Mitbewohner irgendwo versteckte.


Sie mussten zu Anfang immer vom Taunus nach Frankfurt pendeln, bis sie eine Wohnung im Haus bekamen?
Ja, die Anfangszeit war strapaziös. Ich war dann sehr glücklich, als ich hier eine Wohnung bekam. Nach meinem Umzug war es für mich dann einfach, jeden Mittag bei meinem Mann zu sein, und vormittags konnte ich so in aller Ruhe vor mich "hinbuddeln". Das tat mir dann doch sehr gut. Nach all den Jahren, die ich immer im Dienst war.


Rückblickend auf die letzten 5 Jahre - was, würden Sie sagen, war das Schwierigste an ihrer Situation?

Das Schwierigste war, dass meine Kräfte kaum ausreichten, für alles was nötig war. Und einmal habe ich auch die Geduld verloren. Aber das ist nur einmal passiert. Und wissen Sie, das kostet eben auf eine Art und Weise Kraft, das kann sich kein Mensch vorstellen. Wenn man jeden Morgen aufwacht und tief durchatmet und nur denkt, hoffentlich schaffst du es heute. Und abends ins Bett zu fallen mit dem Gefühl: wie wird es morgen, geht es noch mal? Neben alle dem, was einen auch noch psychisch belastet.
Wir waren 60 Jahre lang Partner, die sich aufeinander verlassen konnten. Und plötzlich war da gar nichts mehr.
Ich konnte nicht einmal sagen, hör mal, mit denen ist das und das. Er wußte gar nicht, wovon ich spreche.


Er selber hat das nie gemerkt?
Ein einziges Mal in all den Jahren sagte er: "Was ist eigentlich mit mir los?"
Ich war dankbar, dass das nicht öfter vorkam. Er hielt sich für gesund, und dadurch ist ihm vieles erspart geblieben.


Wie ist das, wenn sich der Partner nicht mehr an die gemeinsame Zeit erinnert? Wenn aus Partnerschaft eine "Pflegschaft" entsteht? Entwickeln sich da mütterliche Gefühle?

Ja, zweifelsohne. Wenn's ihm dann so sehr schlecht ging, dann hat er mir entsetzlich leid getan. Es entfernt sich der Partner, und es kommt ein bemitleidenswerter Mensch zum Vorschein. Deshalb war ich auch gar nicht unglücklich, als er starb, ich war als erstes wirklich wie erlöst. Und gerade gestern sprach ich mit einer Freundin, die dasselbe vor einem halben Jahr durchgemacht hat. Bei ihr war es auch die Dankbarkeit erst mal. Und auch das Gefühl: Gott-sei-Dank, du hast es bis zum Schluss geschafft. Das ist ein Grund zur ganz großen Dankbarkeit, dass man nicht versagt hat. Ich bin oft, sehr, sehr oft bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten gegangen. Und ich weiß, dass ich das auch auf Dauer nicht ausgehalten hätte, trotz der Verbesserung hier.


Man sagt ja dementen Menschen nach, dass sie oft einen netten Humor haben. War das bei ihrem Mann auch so?

Nein, überhaupt nicht, aber er hatte großes Zärtlichkeitsbedürfnis. Und die Jane, dieses rührende Geschöpf, gab ihm jeden Abend ein Küsschen. Da wartete er immer drauf. Und dann strahlte er.
Ich kann nur immer wieder sagen, dass ich mit großer Bewunderung an die Pfleger denke.


Wie ist ihr Mann gestorben?
Nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Wir hatten Gott sei dank ein Patienten-Testament, so dass wir ihm unsinnige, lebensverlängernde Maßnahmen ersparen konnten.


Wenn Sie heute an ihren Mann denken, dominieren da die letzten Jahre?
Die letzten Jahre sind immer vorhanden, aber es passiert jetzt auch, zusätzlich an die Zeit davor zu denken.


Glauben Sie, dass es jeden treffen kann, dement zu werden?
Ja, ich bin in der ständigen Furcht, dass mir das auch passiert.


Man kann sich das nur schwer vorstellen, aber sie haben völlig Recht, ich bin auch immer wieder erschüttert, dass es Menschen trifft, die sich ihr Leben lang mit geistigen Dingen auseinandergesetzt haben.

Ja, es kann wirklich und wahrhaftig jeden treffen. Ich sage immer zu meinen Kindern, sagt mir Bescheid, wenn es bei mir soweit ist.


Nur hilft das dann meistens nicht mehr!

Nein, das stimmt nicht. Reagan hat die Anfänge seiner Krankheit ganz bewusst erlebt. Ich finde das so schrecklich, wenn ein Mann wie Reagan in eine solche Lage kommt. Als junger Mann hat er als Schauspieler ewig Rollen lernen müssen, hat also sein Gehirn durchtrainiert. Er musste später als Präsident - ich kann nicht beurteilen, ob er gut war - aber er musste doch riesige Interessenfelder überschauen und schwerwiegende Entscheidungen treffen. Also er hatte bis zum Schluss ein toll durchtrainiertes Gehirn, und dann passiert das. Und er wusste, wie es um ihn stand, und er hat sich ja dann auch ganz offiziell von der Welt verabschiedet.


Ja, richtig, das war bewegend und eindrucksvoll, ich erinnere mich noch gut daran.

Und das hätte mein Mann nie gekonnt, denn bei ihm war es nicht Alzheimer, sondern eine andere Art der Demenz. Bei Alzheimer - das habe ich mir sagen lassen - das gebe ich jetzt mal so ungeprüft weiter - fallen eben einzelne Teile des Gehirn nacheinander aus, und dann ist dieser ganze Komplex weg, während bei andren Arten der Demenz immer wieder noch etwas vorkommt, also immer wieder klare Momente eintreten können.


Ja, das kann hier sehr gut beobachtet werden. Sei es beim Konzert, wo plötzlich bei dementen Bewohnern eine ganz große Aufmerksamkeit und Freude da ist oder bei der Verrichtung von Tätigkeiten, die man früher gewohnt war. Darauf zielt ja auch unser neues Konzept ab, von dem ich ihnen berichtet habe. In großfamilienähnlichen Wohngruppen soll ein weitgehend "normales" Leben möglich sein. Im Mittelpunkt des Geschehens steht immer ein/e MitarbeiterIn (Präsenzkraft), die für alle ansprechbar ist. Sie soll den Bewohnern Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Kochen, waschen, bügeln, all diese Dinge können von den Bewohnern, so weit das eben möglich ist, übernommen werden.

Wollen Sie da auch Männer mit reinnehmen, zum Waschen und Bügeln?
Ja, die werden dann vielleicht dabei sitzen und den Frauen - wie früher - bei der Arbeit zuschauen und sich dabei heimelig fühlen.


Frau von Kriegstein, hätten Sie denn noch Anregungen aus ihrer Erfahrung heraus, was unser neues Bauvorhaben anbelangt? Was haben Sie in der Arnica vermisst?
Ich finde, das Wichtigste sind Einzelzimmer! Und das werden sie ja auch durch den geplanten Neubau hier im Hause verwirklichen können. Ihr Vorhaben, in dem neuen Haus familienähnliche Wohngruppen zu schaffen, um den Bewohnern durch einen strukturierten Tagesablauf mehr Sicherheit und Geborgenheit zu geben, finde ich großartig, denn nicht jeder Bewohner ist in der glücklichen Lage, noch einen Lebenspartner zu haben, der ihn täglich viele Stunden lange betreut.
Wenn man daran denkt, dass die Bevölkerung immer älter wird und dadurch die Anzahl dementer Menschen ständig steigt, wird es dringend nötig, solche Projekte zu verwirklichen.
Was meine Erfahrungen in der Arnica anbetrifft, so kann ich sagen, dass das, was man hier im Hause leistet, nicht mehr zu überbieten ist, es sei denn, Sie setzen neben jeden Menschen einen anderen, der ihn pausenlos gerade unterhält. Der ihm beim Essen hilft, aber ihn auch fördert, das alleine zu tun. Das müsste derjenige rund um die Uhr machen, dazu brauchen Sie allein 3 Leute für eine zu betreuende Person und noch zusätzlich zwei Leute, die Krankheit und Urlaub abdecken. Wie wollen Sie das machen? Für das, was möglich ist, habe ich den Eindruck - um es mit den Worten meines Sohnes zu sagen -, dass das Haus vorbildlich ist.


Das ist ein schönes Schlußwort! Ganz herzlichen Dank, Frau von Kriegstein, für
das interessante Gespräch.
Renate Wahl